01
Zusammenfassung
02
Status Quo
Leitstellen standen im Frühjahr 2020 vor einer Frage, die es vorher in dieser Form nicht gab. Bei jedem Notruf musste geklärt werden, ob die Person möglicherweise infiziert ist. Davon hing ab, mit welcher Schutzausrüstung die Einsatzkräfte ausrücken.
Genau diese Schutzausrüstung war knapp. Wer im Zweifel bei jedem Einsatz die volle Ausstattung anordnet, hat nach wenigen Tagen keine mehr. Wer zu wenig anordnet, bringt die Kolleginnen und Kollegen vor Ort in Gefahr.
Die Kriterien des Robert Koch-Instituts gab es zwar, sie waren aber nicht für ein Notrufgespräch gemacht. In der Leitstelle wird innerhalb von Sekunden entschieden, während am Telefon jemand in einer Ausnahmesituation ist. Dazu änderten sich die Vorgaben in dieser Zeit ständig.
Gleichzeitig waren viele Menschen verunsichert und riefen bei Rettungsdienst, Hausärzten und Gesundheitsämtern an, oft ohne konkreten Anlass. Das band Kapazitäten, die an anderer Stelle gebraucht wurden.
03
Idee
Dr. Schenk brachte die medizinische Fachlogik mit, also welche Fragen in welcher Reihenfolge für die Einschätzung wirklich zählen. Unsere Aufgabe war, daraus ein Werkzeug zu machen, das im Leitstellenalltag funktioniert. Höchstens vier Fragen, am Ende eine eindeutige Farbe, im Browser sofort nutzbar und ohne Schulung verständlich.
Dieselbe Logik sollte in einer zweiten Version auch der Bevölkerung zur Verfügung stehen. Wer sich unsicher war, konnte selbst eine erste Einschätzung vornehmen und bekam Hinweise zum weiteren Vorgehen, bevor er zum Telefon griff.
Weil sich die RKI-Vorgaben laufend änderten, mussten Fragen und Texte ohne Entwickler anpassbar sein. Und weil andere Leitstellen vor demselben Problem standen, sollte sich das Tool einfach weitergeben und einrichten lassen.
Für Software sind zwei Tage eigentlich keine Zeit. In dieser Lage war schnell aber wichtiger als perfekt, also haben wir den Umfang bewusst klein gehalten.
04
Lösung
Das Tool führte durch maximal vier Fragen, die auf den RKI-Kriterien basierten und für die Abläufe in Leitstellen angepasst wurden. Nach der letzten Antwort zeigte es eine Signalfarbe an, aus der sich die passende Schutzstufe für den Einsatz ableiten ließ. Die Version zur Selbstabfrage nutzte dieselbe Logik und gab Bürgerinnen und Bürgern eine erste Orientierung.
Über ein Admin-Cockpit ließen sich Fragen und Textbausteine mit einem einfachen Editor ändern, so wie man es aus einem Textverarbeitungsprogramm kennt. Neue Vorgaben konnten so am selben Tag eingepflegt werden. Das Tool war auf Deutsch und Englisch verfügbar und lief auf dem Leitstellenrechner genauso wie auf Tablet oder Smartphone.
Technisch haben wir auf eine schlanke Basis aus HTML5, CSS3, jQuery und PHP gesetzt, die auf gängigen Webservern ohne besondere Voraussetzungen läuft. Als die Anfragen anderer Leitstellen zunahmen, kam ein Installationsskript dazu. Damit konnte jede Leitstelle das Tool selbst einrichten, auch ohne Programmierkenntnisse.
Entwicklung und Bereitstellung erfolgten ehrenamtlich und ohne Kosten für die Nutzer. Nach unserer Schätzung setzte mehr als die Hälfte aller Leitstellen in Deutschland das Tool ein, zusammen mit der Selbstabfrage kamen bis zu 25.000 Nutzer im Monat zusammen. Mit dem Ende der Pandemie wurde es abgeschaltet.
Die AGNNW e.V. zeichnete das Projekt mit dem Ideenpreis zu COVID-19 aus. BILD.de und die Volksstimme berichteten darüber.